Suchmaschinenlogik {Historie: Hochhaus Grau}

Dezember 25, 2008

Als ich ein kleines Mädchen war, dachte ich, dass alle Häuser aussehen wie eine Schuhschachtel mit einem spitzen Hut, der zufällig darauf abgelegt worden ist. Ich stellte mir vor, dass Menschen auf der ganze Welt in weißen Rechtecken mit roten Dreiecken auf einem grünen Quadrat leben, das war logisch, denn die Welt war für mich das, was ich unmittelbar sehen konnte, wenn ich aus meinem Fenster blickte. In der winzigen Stadt, in der ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte, gab es überhaupt nur Häuser genau dieser Bauart, und alle meine Freunde lebten darin, mein Kindergarten war auch in einem solchen Gebäude untergebracht und deshalb gab es für mich nie einen Grund, an meiner Schuhschachtel-Hut-Wohn-Theorie zu zweifeln.
Als ich sechs Jahre alt wurde, musste ich die Grenzen der winzigen Stadt überschreiten, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen. Die Schule lag hinter dem Wald in einer viel größeren Stadt, und ich wie auch meine Freunde konnten nur mit dem Bus dorthin gelangen. Zunächst konnte ich keinen großen Unterschied feststellen, die Schuhschachtel-Hut-Häuser gab es auch hier, nur dass es ein paar mehr als in unserer winzigen Stadt waren. Unsere Schule war zwar eine besonders riesige Schuhschachtel mit einem extraordinär ausladenden Hut – aber noch war meine Welt ganz in ihrer alten Ordnung.
In die Schule kamen auch Kinder aus der großen Stadt, mit denen ich erst jetzt bekannt wurde, da wir ein Klassenzimmer teilten. Ich saß neben einem rotblonden, spindeldürren Mädchen mit ganz vielen Sommersprossen im Gesicht, die Maria hieß. Maria kam vom anderen Ende der Stadt und hatte einen weiteren Schulweg als ich zurückzulegen. Wir freundeten uns ein wenig an, und nach ein paar Wochen lud mich Maria zu sich nach hause ein. So kam es, dass ich eines Mittags nicht in den roten Schulbus, der in meine winzige Stadt zurückfuhr, einstieg, sondern mit Maria zusammen den blauen Bus zum anderen Ende der großen Stadt nahm.
Nach einer Weile gab es plötzlich keine Schuhschachtel-Hut-Häuser mehr. Da waren nur noch hochkantige Rechtecke, die wie zufällig verstreute Kartonagen in der Gegend herumstanden. Ich versuchte, die Fenster von unten nach oben zu zählen, aber ich schaffte es nicht einmal, da der Bus schon um die nächste Ecke bog. „Da hinten, da wohne ich! Wir müssen aussteigen!“ Maria unterbrach meine Zählversuche und zog mich an ihrer Hand aus dem blauen Bus, vorbei an der gelben Haltestelle, hinein in das Hochhaus Grau.

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