In einem fernen Land lebten die Menschen glücklich und zufrieden, hatten sie doch alles, was das Herz begehrt. Der König dieses Landes war gütig und weise und schenkte einem jedem Bürger sein Ohr und hatte für jedes ihrer Anliegen einen Rat. Es begab sich aber zu der Zeit, dass der alte König verstarb und das Reich seinem ältesten Sohn vermachte. Der Thronfolger war ein tumber Taugenichts, der den ganzen lieben Tag lang schlafend im Bett verbrachte und des Nachts krachende Feste feierte. Um die staatlichen Geschicke indes kümmerte sich seine Frau, ein herrschsüchtiges Weib, dem es gerade recht kam, dass ihr Gemahl ein solcher Faulpelz war. Die Königin regierte mit eisener Hand und erhöhte die Abgaben der Landsleute von Woche zu Woche, so dass das Volk bald zu hungern und zu leiden begann.
Der jüngere Königssohn aber konnte an dem Treiben seines Bruders und dessen Frau nichts Schlimmes finden. Und so feierte er mit dem älteren Bruder wilde Gelage und drängte sich nicht in die Staatsgeschäfte. Eines Tages rief die Königin den jungen Mann zu sich und wollte ihn verführen. Der Prinz jedoch verhöhnte diese und verließ mit schallendem Gelächter das Schlafgemach der Schwägerin. Das tief gekränkte Weib schwor Rache, und so erzählte sie ihrem Gemahl, dass der jüngere Bruder versucht habe, sich an ihr zu vergehen. Der sonst so träge König ward auf einmal voller Zorn und wollte den Bruder schon am nächsten Tag hinrichten lassen. Der Prinz wurde in das tiefste Verlies des Schloßes geworfen, wo er die letzten Stunden seines jungen Lebens ohne Wasser, Brot und Licht verbringen sollte. In der feuchten, dunklen Zelle beweinte der junge Mann bitterlich sein Schicksal und wünschte sich von tiefstem Herzen, er hätte ein frommeres Leben geführt, kam ihm die Hinrichtung doch wie ein Strafe für seinen unlauteren Lebenswandel vor.
Doch plötzlich wurde das Verlies von einem warmen Licht erhellt und ein kleines Männlein mit einem langen weißen Bart trat vor den Prinzen. “Noch ist Euer Leben nicht verwirkt,” sprach es mit feiner, hoher Stimme. “Hier habt Ihr einen Beutel mit Proviant und ein Fell das Euch gegen die Eiseskälte des Winters schützt. Zieht hinaus in die Welt und seht mit Euren eigenen Augen, was Ihr mit Eurem Gleichmut und Eurer Selbstsucht all die Jahre angerichtet habt. Aber ich warne Euch: Macht Ihr einen Schritt zurück in Euer altes Leben, so werdet Ihr Euch auf dem Schafott wiederfinden.”
Und ehe er sich versah, stand er vor dem Schloß am Waldesrand, hatte ein Säcklein neben sich und ein Fell um die Schultern gelegt. Das Männlein aber war verschwunden. Der junge Mann machte sich auf den Weg durch das Land, das er bislang nur durch die Fenster des Schloßes gesehen hatte. Als der Tag graute kam er an einer krummen Bauerkate vorüber. Die Tür hing schief in den Angeln, und vom Hof kam kein Tierlaut herüber. Der Prinz klopfte an die Tür und trat in die kalte Stube.
{Fortsetzung folgt}
