Sortenreichtum

Am 1. Mai sind Turbulenzen

Am ersten Mai, um 21:14:47 klingelte das Mobiltelefon zum vierzehnten Mal, bevor H. den Anruf entgegen nahm. In der Leitung knackte es ein paar Mal, bevor H. verstehen konnte, was B. in die Hörermuschel schrie. “Ich komme hier nicht mehr raus … Wir sind einge … “ Dann brach die Verbindung ab.

Am Morgen war H. aufgewacht, weil Lärm in der Küche sie geweckt hatte. B. lag nicht mehr neben ihr, also vermutete sie, dass er den Radau veranstaltete. H. schlüpfte in ein rotes Hemd, das auf dem Stuhl neben dem Bett lag und ging in die Küche um nachzusehen, was der Anlass für den frühmorgendlichen Krach war. “Sch… “ brüllte B. Um ihn herum waren die Scherben der gelben Teekanne verteilt, die er H. zum Geburtstag vor 3 Jahren geschenkt hatte. Am Tisch saßen T. und S. und rauchten Selbstgedrehte. Keiner machte Anstalten, B. zu helfen, der fluchend in der sonnendurchflutenden Küche stand. “Moin,” sagte T., und S. nickte stillschweigend einen Morgengruß dazu. B. drehte sich um und sagte mit schuldbewusstem Lächeln “Tschuldige, die Kanne is mir runtergefallen. Sch.. aber auch. Bin zu nervös heute morgen. Bist jetzt aufgewacht, wa?” H. drehte sich wortlos um und drehte den Schlüssel im Bad zweimal um. “Warum macht er das?” fragte sie sich, während sie das rote Hemd abstreifte.

Als H. gegen 11 Uhr das Haus verlies, war auf der Straße schon eine Menge los. Die Leute eilten durch das gleißende Licht an ihr vorüber, und es war seltsam still um sie herum. Da die Straße schon abgesperrt war, waren kaum Autos unterwegs. H. lief die Straße herunter, bog beim Blumenladen links um die Ecke und überquerte die nächste Kreuzung. Im ‘Café am Park’ setzte sie sich an einen der Tische, die noch frei waren und wartete. Nach ungefähr 6 Minuten kam L. “Du bist heute aber pünktlich, meine Liebe,” sagte L. und wirkte ein wenig außer Atem. “Ich bin unruhig,” antwortete H. “Irgendetwas passiert heute.” “Klar,” lachte L. “Heute ist der erste Mai, und wir sind mittendrin.”

Als H. zusammen mit L. das Café verlassen hatte, klingelte ihr Telefon. “Hey, wo bist Du?” raunte H. in den Hörer. “Wir sind gerade bei T. – Lagebesprechung, weißt doch,” antwortete B. H. schwieg. “Das mit der Kanne tut mir furchtbar leid, meine Herzdame. Ich weiß doch, wie sehr Du an ihr gehangen hast. Ich besorg’ Dir einfach eine neue, ja?” H. schluckte, bevor sie etwas sagen konnte.
“Musst da heute Abend mitgehen? Muss das wirklich sein? Ich habe so ein komisches Gefühl …”
“Ach Quatsch, mach Dir mal keine Sorgen. Is so wie jedes Jahr. Und wir kämpfen doch für ne gute Sache. Irgendwer muss ja sein’ Mund aufmachen und denen sagen, dass es so nich läuft.”
“Ja, is schon klar. Aber trotzdem. Irgendwas ist anders heut.”
“Herzdame, ich muss los. Nicht böse sein, ja. Wir sehen uns um Zehne in der Zeche, ja?”
“Ja, is gut. Bis später.”

Gegen 21 Uhr kamen H. und L. in der Zeche an. Der Laden war schon gerammelt voll, kaum dass sie zur Bar vordringen konnten. Mit Getränk in der Hand drängelten sie sich durch die Menge auf die Terrasse. Der Abend war ziemlich lau für die Frühlingszeit. Die Musik war so laut aufgedreht, dass sich H. und L. per Zeichensprache verständigen mussten. Um 21:14:47 klingelte das Mobiltelefon und H. nahm nach dem vierzehnten Klingeln ab.
Um 23:51:13 klingelte das Telefon von H. zum letzten Mal an diesem ersten Mai. “Frau H.W.? Sie sind die Lebensgefährtin von B.B.?” meldete sich eine fremde Männerstimme. “Ja, das bin ich,” antwortete H. trocken. “Wir haben Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen, Frau W. Herr B. ist heute gegen 22:00 bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Leider kam jede Hilfe zu spät. Wir haben versucht, Sie in Ihrer Wohnung zu erreichen. Normalerweise rufen wir nicht …” H. hatte ihr Telefon auf den Asphalt fallen lassen. Sie konnte nichts mehr hören. Es war still.

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