Sortenreichtum

Der Tag, an dem die Sonne

Der Tag, an dem die Sonne am längsten scheint, ist nicht der wärmste des Jahres

Ich wache um 5:32:07 auf und es ist schon hell draußen. Ich frage mich, ob es ein guter Tag werden wird, heute am 21. Juni. Das Stückchen Himmel, das durch den Spalt der Schlafzimmergardinen zu sehen ist, ist sehr blassblau, fast weiß. Ob es bewölkt ist, heute? Ich setze mich langsam im Bett auf, reibe meine Augen, strecke die Arme, gähne. Es wird ein langer Tag heute.

Um 06:54:19 betrete ich das Büro. Um diese Uhrzeit ist es noch ganz still um mich herum, Kollegin B. kommt immer erst gegen 9, und die anderen Räume entlang des Ganges auf Stock III füllen sich ab halb 8. Es ist noch genug Zeit für mich übrig, Kaffee aufzusetzen, die Palme zu gießen, die Anträge des gestrigen Tages durchzugehen und in die Aktenschränke zu sortieren. Es ist die leichteste Zeit des Tages, ich kann meinen Ritualen folgen und muss nicht plötzlich anders reagieren, als ich es gewohnt bin. Das wird später wieder anders sein, wenn die Kollegen ihr „Guten Morgen“ murmeln und die Antragssteller Nummer 1 bis 267 kommen.
„Ihr Name bitte?“ Bis jetzt läuft alles gut. Heute gab es keine Ausfälle, kein Gezeter, keine Geheule. Ich fülle die Anträge aus, trage den Antragsgrund ein, drucke aus, stempele ab und schicke den Antragssteller in Abteilung ZVA – 103 bis 107. Kollegin B. ist heute maulfaul, was mir sehr recht ist. Sie redet manchmal wie ein Wasserfall auf mich ein, erzählt von den Sorgen mit der Tochter, über den Nachbarn, der immer so grantig ist und gerne immer wieder darüber, dass alles immer schlechter wird. Ich finde nicht, dass die Zeiten schlechter werden, sie werden auch nicht besser, sie sind halt wie sie sind. Aber ich gebe trotzdem immer nur zustimmende Laute von mir, ich will nicht widersprechen, das führt nur zu Diskussionen.

Früher war alles mal anders. Früher als ich mit Annecke durch China gereist bin, als wir in Peking waren, an der großen Mauer und in Shanghai. Ich hatte Annecke in der Tram 11 zum ersten Mal gesehen, sie saß da in einem roten Kleid mit großen weißen Punkten darauf, die Beine überkreuz und biss in einen giftgrünen Apfel. Der Saft lief über ihr Kinn und tropfte auf das Kleid, aber Annecke schien es nicht zu bemerken. Ach meine Annecke, wie schön Du warst an diesem Sommertag! Ich bot ihr ein Taschentuch an, und sie blickte mich mit ihren großen Augen direkt und lange an, bevor sie das Tuch nahm und sich damit über das Kinn wischte. Ich muss mutig gewesen sein damals, denn ich lud sie auf einen Kaffee ein und Annecke schien über so viel Dreistigkeit gar nicht erstaunt zu sein. Wir gingen in ein kleines Café am Markt und sie plapperte munter drauflos, als ob sie mich schon Jahre kennen würde. Ich hörte ihr einfach nur zu und wusste, dass sie die Frau meines Lebens ist. Seit diesem Tag waren wir unzertrennlich. Wir teilten mein winziges Zimmer in der R.Gasse und träumten davon, nach China zu reisen. „China“, sagte Annecke, „China ist ein Land mit einer sehr alten Kultur, vielen Menschen und einer wunderschönen Sprache. Einmal in meinem Leben muss ich dahin, denn ich will dieses Wunderland mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören können!“

Aber wir hatten nur wenig Geld, und so fuhren wir mit unseren Fingern auf der Landkarte in meinem alten Schulatlas die Orte ab, die wir so gerne besucht hätten. Wir waren in Peking und haben dem Kaiser in der verbotenen Stadt unsere Aufwartung gemacht. Wir sind die ganze Chinesische Mauer entlang gewandert und haben uns Shanghai von ganz oben angesehen. Ach Annecke, nie werde ich Deine schönen glänzenden Augen vergessen, wenn Du mir von China erzählt hast.

An einem eisigen Tag im Januar kam Annecke von ihrem Arzt. Sie blickte mich still und ernst an, sie schwieg lange, bevor sie mir sagte, was der Doktor diagnostiziert hatte. „Krebs, ich habe Krebs, mein Liebster.“ Und es war nichts, was wir hätten tun können. Meine Annecke schwand von Tag zu Tag, sie wurde durchscheinend wie das Taschentuch, das ich ihr bei unserem ersten Zusammentreffen gegeben hatte, damit sie sich den Apfelsaft vom Kinn tupfen konnte. Am 21. Juni, dem Tag an dem die Sonne am längsten scheint im Jahr, hat Annecke ihre wunderschönen Augen für immer geschlossen. An diesem Tag war es kalt und leer um mich herum, und in China weinte der Kaiser um meine Annecke bittere Tränen.

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