Reiseweise

K

Kap Verde – Boa Vista. Ausschnitte eines Eilandes vor der Küste Afrikas.

Sedução.
Ich sah selten glücklichere Gesichter, als die der Fischer und Kinder von Sal Rei. An jedem neuen Tag sind die Kinder fröhlich, sie tauchen im salzigen Wasser in der Bucht der kleinen Stadt, sie springen vom Hafensteg in die türkisfarbenen Fluten, lächelnd, frei.

In diesen Tagen braucht es nur ein Wenig an Dingen, die mich das pure Glück empfinden lassen:
Der braungebrannte Fuß im Sand, sinkt ein im Sand, im Wasser.
Die Luft ist köstlich, jeder Atemzug ein Geschenk.
Ein Glas Groque duftet nach Pflaume, lässt Gedanken tanzen.
Sand, Salz, Wasser. Laufen, Lesen, Fotografie. C’est la vie.

Wo Wellen wellen, rollen, wirbeln, den strandlaufenden Bodengucker fasziniert in orientierungslose Betrachtungen entrücken lassen. Wo ist unten, wo oben, wo vorne, wo hinten? Himmel und Ozean verschmelzen, die Welt steht Kopf, die Grenze zwischen Zeit und Raum gibt es nicht mehr – alles schwebt.

Saudade.
Was wie Gold glänzt, ist gelber Dünensand im trockenen Sonnenlicht. Der Ozean verheißt Kühlung an staubigen Tagen, das wechselnde Blau lockt den müden Strandläufer. Eine gemeine Täuschung, sind die Wellen doch hart und stark, und die Strömung zieht den badenden Leichtsinn hinfort zum immerwährenden Horizont. Ein Tag hier ist wie jeder andere, nichts scheint sich zu ändern oder auch ändern zu wollen. Alles bleibt gleich, und ist es doch nicht.

Ein Land, Eiland, das nichts besitzt außer Sand, Wanderdünen und Meer, Fisch und zauberhafte Luft. Auf dem es an fast allem mangelt, Dürre folgt auf Dürre, große, bösartige Heuschrecken machen sich auf den Weg über die mageren Felder, Kahlfrass. In Blechhütten zusammengekauert zehn oder zwölf oder mehr Personen, sauberes Wasser gibt es nicht, genug auch nicht, der Platz zum Schlafen muss geteilt werden.

In großen Schritten geht der Wanderer den schier endlosen Strand entlang, den salzigen Berg am Ende seines Weges fest im Blick. Barfuß läuft er durch den weichen Schlick, mitunter umspült etwas Gischt seine Zehen, steigt das Wasser hoch bis zu den Knieen gar, bevor es sich leise zischend wieder zurückzieht. Der weiße Schaum dringt innerhalb eines Augenblicks in den Boden ein, spurlos versunken im ewig feuchten Grund.

Der Wanderer läuft, läuft, läuft, aber sein Ziel bleibt beständig weit entfernt, er kann sich nicht nähern, obwohl der seine Schritte in diese Richtung lenkt. Er tritt auf der Stelle, die Zeit steht still, nichts bewegt sich, alles ist eins. Das Tosen der Wellen hält inne. Kein Laut mehr, Stille für Sekunden oder Jahre, alles ist erstarrt, es gibt kein vorwärts, kein rückwärts, der Raum ist geschrumpft und unendlich weit.

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