Sortenreichtum

Fingernagelbearbeitungsgeräte

Eigentlich habe ich mich nie um meine Fingernägel gekümmert. Gekaut habe ich, dass kaum noch was übrig gewesen ist – deshalb gab es auch keine Fingernagelbearbeitungsgeräte in meinem 4mal3 Meter großen Bad. So wenig mich meine Fingernägel scherten, so wichtig sind sie mir heute.

Es begann vor etwa einem Jahr, als ich durch die endlose Ödnis unserer Hochhaussiedlung spazierte, um bei Bäcker Lehmann ein paar Schrippen für das Frühstück zu besorgen. Neben dem Bäcker stand schon seit einem halben Jahr ein kleine Gewerbefläche leer – vorher war dort eine Reinigungsannahmestelle gewesen, die aber mangels Kundschaft schon bald hatte schließen müssen. Als ich mich der Bäckerei näherte, sah ich schon, dass die Tür des Ladengeschäfts (ehemals Reinigungsannahmestelle) geöffnet war. Schrillblinkende Buchstaben im Fenster wollten potentielle Kundschaft anlocken. Ich näherte mich dem Geschäft und konnte erst direkt vor dem Schaufenster erkennen, was mir die bunte Leuchtschrift sagen wollte “Nagelstudio Monique” stand da. Und “Eröffnung – 20% Rabatt” sowie “Wir machen Ihre Nägel wie neu”.

Es war ein fast magischer Moment, als ich diesen letzten Reklame-Satz las – plötzlich von einem schlechten Gewissen geplagt starrte ich auf meine abgekauten Fingerkuppen und schämte mich in Grund und Boden. Wie habe ich so nachlässig sein können – meine armen Fingerchen so zu verunstalten! Etwas verunsichert betrat ich das Nagelstudio, in dem mir sogleich ein beissender Lackgeruch mit einem Hauch von angebranntem Plastik entgegenwehte. Die Glastheke am Eingang enthielt nicht nur verschiedene Fingernagelbearbeitungsgeräte – es waren auch auf das herrlichste bemalte und verzierte Fingernägel ausgestellt, so dass ich mich gar nicht satt sehen konnte. Eine junge Frau mit strohblond gefärbtem Haar trat freundlich lächelnd auf mich zu und bat mich sogleich auf dem pinkfarbenen Kunstlederstuhl Platz zu nehmen.

Da saß ich nun und traute mich kaum, meine heruntergekommenen Fingernägel auf das kleine Tischchen vor mir zu legen. Die junge Frau, angetan mit knallroten Fingernägeln der Marke “Mandy” (wie mir später zugetragen wurde), zögerte nicht lange, nahm meine Hände und legte sie vor sich auf die glänzend polierte Tischplatte. Auch als sie das von mir jahrelang verursachte Unheil sah, verschwand ihr Lächeln nicht. “Dit krieen wa hin, dit versprech ick Ihnen” sagte sie in breitestem Berliner Dialekt.

Als ich eine Stunde später das Nagelstudio verließ, meine Fingernägel mit sämtlichen Fingernagelbearbeitungsgeräten in Kontakt gekommen waren, angetan mit glänzend orangefarbenen, 5 cm lange Fingernägeln mit Strassapplikationen, die die Schande meiner Fingernagelkauerei überdeckten und ich mit 35 Euro Einsatz kein Geld mehr für die Schrippen übrig hatte, da wusste ich: Hier werde ich nicht zum letzten Mal gewesen sein.

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