Sortenreichtum

Kiesel im Schuh

Auf dem Gehweg, etwa 1.000 Meter lang, Sonntagabend ist es, ca. 22:00 Uhr. Es ist kalt, mein Atem raucht. Es ist dunkel, Laternenlicht teilt meinen schemenhaften Schatten in zwei. Rechts und links läuft er vorbei an mir, wird länger, verschwindet, um dann wieder hinter mir aufzutauchen, rechts und links. Mein Schuhwerk klackert laut auf dem Asphalt, mein Blick ist gen Boden gesenkt, sucht den nächsten Anhaltspunkt, zum Beispiel ein Kaugummimal, ein ebenerdiges Graffiti, einen Bordstein, der den Quergang einer Straße markiert.

Es geht gut voran das Laufen, wenn ich mich an an Beppo, den Straßenkehrer halte. Der gesagt hat, dass ein Ziel nur dann in erreichbare Nähe rückt, wenn man sich auf den nächsten Besenstrich konzentriert und nicht auf die ganze Straße, die vor einem liegt. Ein guter Rat.

Ich sehe auf die Platten den Gehsteigs, rautenförmig angeordnet sind sie, eine folgt der nächsten. Ich könnte jetzt das alte Spiel spielen: Tritt nicht auf die Linien, sie sind tödlich. Aber zu kompliziert ist das für ein rasches Nachhausekommen, deshalb übe ich mich im schnellen Schritt ohne Einschränkungen. Bis …

… Bis ein Kiesel meinen Gang behindert. Oder treffender formuliert: Ein winziges Splittersteinchen. Weiß der Himmel oder der Teufel, wie es in meinen Schuh gekommen ist. Unangenehm ist es trotz der geringen Größe, weil es spitz und scharfkantig ist und unter meiner Fußsohle umhertanzt. An einer Kreuzung halte ich, lege meine behandschuhte Hand auf den Ampelpfahl, aber nicht um Grün zu rufen sondern um Balance zu erlangen. Ich hebe mein Bein hoch, ziehe das Stiefelchen vom Fuß, schüttele es im fahlen Licht der Nachtstadt. Das Steinchen springt heraus mit einem zarten Kling, auf den Asphalt fällt es, da wo es herkommt. Ich ziehe den Schuh über den Fuß, er passt wie angegossen. Und laufe weiter.

Kein Fahrzeug weit und breit zu sehen, ich strebe auf die letzte Kreuzung vor meinem Zuhause zu, laufe auf dem Kopfsteinpflaster des Mittelstreifens meiner Straße, um dem Betrunkenen auf der einen Seite der Straße nicht begegnen zu müssen. Mein Schritt ist nun ungehemmt, weil kieselfrei. Und so komme ich an, Stück für Stück, öffne die Tür, Kohleoffenduft empfängt mich warm, ich lasse die kalte Dunkelheit und die Ungewissheit zurück und da, wo sie mich nicht mehr berühren kann.

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