Auslese

Spülschwammgier

Bin ich so konsumgeneriert, dass selbst der Spülschwamm zum Objekt meiner Begierde wird? In dreifacher Ausfertigung liegt er glitzerndlockend im Laden immer genau da, wo mein Auge auf dem Weg zur Bezahlstation entlang schweift.

Schwarz-silber, rot-silber, weiß-silber. So absolut passend zum Rest meiner Einrichtung, damit selbst die profane Spüle einem gewissen Glanz nicht entbehrt. Er passt so perfekt in meine perfekte Welt von Dingen, die zueinander passen – Gestalt ist Stil und wichtig in meiner, in Deiner, in unserer Welt des MehrScheins als WirklichSeins.

Also greife ich zu, lass mich von der Marketingwelt eines Weltkonzerns leiten, ohne dass ich mein Gefühl von Wahlfreiheit aufgeben müsste. Wie glücklich bin ich, die ich wählen kann. Rot, Schwarz, Weiß und mit Silberfäden durchwirkt. Herrliches Leben, wenn es nur darum geht. Damit meine Küche perfekt eingerichtet ist. So perfekt.

Dass der Spülschwamm Vergangenheit vergangen macht, wische ich weg. Was interessiert mich mein Gericht von gestern? Alles ist blitzeblank, neu, sauber, unbeleckt. Der Blick nach vorn gerichtet, unappetitliche Reste aus vergangenen Tagen sind sowieso gegessen – warum also nicht weg damit?

Es riecht so gut, so gut? Gelüftet, abgewaschen, müllentsorgt. Und der Spülschwamm liegt da, schön anzuschauen mit dem leuchtenden Glanz der Unschuld. Weggescheuert ist gleich Vergessen ist gleich Irgendwas, aber nicht mehr heute. Deshalb fröhne ich meiner Spülschwammgier hemmungslos, denn was, ja was, interessiert mich mein Ich von gestern?

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