Sortenreichtum

° Betäubt °

Ein Besuch beim Dentisten löst bei den allermeisten Menschen ein Gefühl des Ungehagens bis hin zu unterträglichen Angstzuständen aus – und zwar schon zu dem Zeitpunkt, bei dem ein Termin vereinbart werden muss. Ich hingegen liebe es, zu meinem Zahnarzt zu gehen. Der vergnügliche Schauer, den mir eine solche Verpflichtung bereitet, hat sich bereits in frühster Kindheit in mir manifestiert. Dabei liegt meine Freude über jede Stunde, in der ich meinen Zahlheilkundler aufsuche, tatsächlich nicht in einer abseitigen erotischen Fantasie verborgen, mit der ich eine vebotene Lust zu stillen trachte. Nein, es ist die pure Neugier, die mich freiwillig in die Arme des Dentalmediziners treibt.

Sitze ich auf dem Stuhl und werde langsam in die Rücklage gefahren, steigt meine Spannung ins Unermessliche. Die silberne Spritze betäubt meinen halben Mund, nicht jedoch meine Sinne. Während Zunge und Lippe in eine Art Tiefschlaf versetzt werden, sind meine Augen hellwach. All die schönen Instrumente, die von dem Zahnheilkundler und seiner Medizinisch-Technischen-Assistentin vor mir aufgereiht werden, versprechen interessante neue Geschichten in den nun folgenden Minuten. Ein Bohrkopf, dünn wie ein Haar oder rund und runzlig wie eine getrocknete Linse, eine Pistole für die weiße Kunstzahnfüllung und eine mit gleißend blauem Licht für die rasche Aushärtung derselben sowie verschiedene Schleifaufsätze für den im wahrsten Sinne des Wortes letzten Schliff lassen mich für einen langen Moment vergessen, dass mein Mund sperrangelweit voller Schräubchen und Wattepropfen, dazu ganz ausgetrocknet und dicklippig ist.

Während Arzt und Helferlein in einer fazinierenden Geschwindigkeit (hier beherrscht ein jeder seine Handgriffe perfekt) an und in mir herumwerkeln, blicke ich von links nach rechts, in eine gelbe Schutzbrille hier und eine blaue Vergrößerungsbrille da. Dank des starken Anästhetikums habe ich keine Schmerzen, die mich von dem Film um mich herum ablenken könnten. Großes Kino – denke ich – und mein Rachen spielt die Hauptrolle.

Fast könnte es auch ein Happy End geben – wenn nicht die Betäubung etwa zwei Stunden nach der Behandlung nachliesse. Dann prasseln die Beschwerden auf mich ein, mein Zunge meckert schnalzend und meine Zähne greinen, dass es nicht zum Aushalten ist. Und trotzdem – der nächste Besuch kommt bestimmt und ich freue mich schon jetzt.

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