Das Buch der Dinge

Nähnadel

Vorsichtig bahne ich mir meinen Weg durch den dünnen Stoff. Kühle Seide, auf den Millimeter gewebt aus dem zartesten Faden einer Seideraupe, die in China in einem Lackkästchen lebt. Ich bin Romatikerin, so stelle ich mir das Dasein dieses ungewöhnlich produktiven Insekts vor. Dick. Weiß. Fleissig. Ein bisschen wie die Nordeuropäer. Oder die Finger, die mich halten. Ich steche zu. Immer wieder dringt meine Spitze durch das feinstoffliche, glänzende Material. Auch ich bin ein Glanz, ich blitze mit jedem Stich.

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Hasard100

Nachttischlampe

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Der alte Witz. Ein zusammengesetzter Begriff, aus dem – nimmt man ein paar Buchstaben einfach weg – plötzlich ein obszönes Wort wird. Die Nachtti-schlampe. Was haben wir gekichert beim Stille-Post spielen, sind vor Scham rot angelaufen, haben geschwitzt unter den Achseln, pubertierende Halbteenager auf Hormonüberdosis. Haben Wahrheit gewählt, weil Pflicht einen Kuss bedeutet hätte.

Tollkirschenzeit. Tolle Zeit.

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Hasard100

Lächeln

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Der Bass pumpt den Raum auf, als wäre er ein Luftballon. Ich stehe, nein schwebe, im Zentrum der Vibration, Acid in meinem Blut. Noten schwirren über die Tanzfläche dort, wo Halbtöne lächeln. Ich bin eins mit der harten Musik, dem weichen Lichtspiel, der flüssigen Menge.

Plötzlich dreht er sich um, und grinst mich mit seiner runden Fratze an, zwinkert mir zu. Sein zahnloser Mund macht mir Angst.

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Hasard100

Jogging

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Er läuft. Der Schweiß tropft brennend ins Auge, das Hemd klebt an seinen Körper. Er ist gut durchtrainiert, hat früher jeden Tag seine Jogging-Runden gedreht. Seine ausdauernde Kondition ist heute sein großes Glück. Er hört Schreie hinter sich. Er dreht sich nicht um. Läuft weiter. Schneller. Sein Puls rast. Früher hätte er das Tempo gebremst und wäre langsam ausgelaufen, um zur Ruhe zu kommen. Heute darf er das nicht. Es ist Krieg.

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Hasard100

Zögern

Hasard100 Zögern

Ich stehe an der Kreuzung und lese die Straßennamen. Ich zögere. Die Straße links trägt einen richtungsweisenden Namen. Aber Varian Fry. Ich zögere. Wer ist er? Ich zögere. Spontan fällt mir Matt Gronings Futurama ein. Fry.

Ich zögere. Ich friere. Vielleicht weil das englische fry wie frieren klingt. Oder wie frei. Ich zögere. Meine Gedanken fliehen dahin. Rechts, links und ich weiß nicht wohin damit.

Ich zögere. Tippe Varian ein. Die Suche läuft. Varian Fry, amerikanischer Journalist und Freiheitskämpfer im Zweiten Weltkrieg in Frankreich. Warum ist er hier verewigt? Ich zögere. Der Wind bläst zu kalt um diese Sommerzeit.

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