Weltsicht

Früher

Wenn aber wieder einer kommt und sagt: Das hat es früher nicht gegeben, dann frage ich: Wann ist früher? Und meistens hält einer dann den Mund und spricht nicht weiter. Nicht so Herr A. Der ewige Sich-Beschwerer erklärt mir mit brüllender Geste, dass früher war, als H und G noch laut Selbstgespräche führen durften, damit auch der letzte Zuschauer, der später nicht mehr hat dabei gewesen sein wollen, versteht, dass Sowas von Sowas kommt und dass es seine arierverd*** Pflicht sei, Etwas von Sowas zu befreien und koste es auch die Menschlichkeit. Früher, sage ich, war also dann, als Sie noch gar nicht… Herr A unterbricht mich: Es ist doch so, Sowas kann nie gut gehen. Wer Sowas mit Etwas mischt, bekommt weder So noch Et noch Was, sondern nur Ärger. Sowas sucht den ja richtig. Sowas ist kriminell, das liegt in den Genen. Dummheit, sage ich, ist auch erblich. Und damit schneide ich Herrn A das letzte Früher-war-alles-besser ab und gehe dahin, wo es keinen Platz für das ewige Gestern gibt.

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Das Buch der Dinge

1-Cent-Münze

Bin ich ein Ding? Ich bin kaum die Zahl wert, die auf mein Metall geprägt ist. Deshalb wollen sie mich abschaffen. Schreddern. Einschmelzen. Meine physische Existenz weicht im virtuellen Ich auf. Ich werde dann nur noch die zweite Ziffer hinter dem Kommanull auf dem Display sein. Eine schnöde Digitalisierung, sonst nichts. Im Online-Kontoauszug tauche ich noch ab und zu als Abgeltungssteuer auf. Im Portemonnaie allenfalls noch als Glückspfennig der Nostalgiker.

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Das Buch der Dinge

Nähnadel

Vorsichtig bahne ich mir meinen Weg durch den dünnen Stoff. Kühle Seide, auf den Millimeter gewebt aus dem zartesten Faden einer Seideraupe, die in China in einem Lackkästchen lebt. Ich bin Romatikerin, so stelle ich mir das Dasein dieses ungewöhnlich produktiven Insekts vor. Dick. Weiß. Fleissig. Ein bisschen wie die Nordeuropäer. Oder die Finger, die mich halten. Ich steche zu. Immer wieder dringt meine Spitze durch das feinstoffliche, glänzende Material. Auch ich bin ein Glanz, ich blitze mit jedem Stich.

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Das Buch der Dinge

Streichholz

Mein Kopf war schon immer feuerrot. Doch jetzt brennt er. Reibung hat dafür gesorgt, dass er lodert. Ich neige meinen Kopf, küsse den Docht. Der Funke will zunächst nicht überspringen, doch dann züngelt die Flamme bei meinem Gegenüber, wird größer, heller, während ich langsam vergehe. Ich hauche meinen letzten Schwefelatem aus. Mein Kopf ist kohlrabenschwarz und brüchig. Er wird nicht mehr gebraucht.

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Hasard100

Jogging

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Er läuft. Der Schweiß tropft brennend ins Auge, das Hemd klebt an seinen Körper. Er ist gut durchtrainiert, hat früher jeden Tag seine Jogging-Runden gedreht. Seine ausdauernde Kondition ist heute sein großes Glück. Er hört Schreie hinter sich. Er dreht sich nicht um. Läuft weiter. Schneller. Sein Puls rast. Früher hätte er das Tempo gebremst und wäre langsam ausgelaufen, um zur Ruhe zu kommen. Heute darf er das nicht. Es ist Krieg.

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Auslese

Blickzurück

Ich schnüre ein Päckchen voll von Jahresdingen, weil man das so macht an diesen letzten Tagen. Was bleiben soll mit diesem Paket sind die Erinnerungen an gute und an schlechte Zeiten, denn wie in jedem Jahr gab es dieses Auf und jenes Ab und Besonders einiges, Belangloses jedoch vieles.

Ich packe in meinen Karton alles an Jahresdingen, was mich bewegt oder unbewegt hat, was mich hat lachen, schmunzeln, schreien, weinen, freuen, glücklich und unglücklich, nachdenken, ärgern, lieben und hassen lassen.

Ich mache mir selbst ein Geschenk mit den Jahresdingen, damit meine Pläne für das kommende Jahr nicht verloren gehen, damit ich weiß, wohin ich gehe und welchen Weg ich nicht mehr gehen will. Das Päckchen liegt nun unter dem Baum in meinem Herzen, dessen Spitze in meinen Kopf Blüten treibt.

Ein geschnürtes Paket, in dem die Jahresdinge liegen, ist ein Trost zwischen Alt und Neu, und wenn es ausgepackt vor mir liegt, so freue ich mich daran ein paar Tage lang. Solange, bis das neue Jahr ein altes ist, und ein neuer Karton gefunden werden muss, um die neuen alten Jahresdinge darin zu verstauen.

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Auslese

Kummer und Verzagtheit

Eine Reminiszenz an Melancholia von Lars von Trier

Ich denke mal. Zu viel davon. Zu viel im Kopf, fällt es in meinen Bauch das böse Gedankengut und macht mich schwach. Ein Strich bin ich, ganz dünn in einer flachen Welt, zweidimensional und ungefaltet. Sie dreht sich nicht, diese meine Welt. Nur in meinem Kopf ist alles in Bewegung, stets und ständig und immer nagend. Es macht schon fast keinen Unterschied mehr, ob Draussen Stillstand und Drinnen Aufruhr herrscht. Es mischt sich und dringt durch mich.

Ich denke mal. Zu viel auf einmal. Und es macht mich rasend und unruhig und zunehmend verwirrt. Gedankenfluten füllen meinen Bauch und es gibt keinen Platz mehr für Nahrung, die ich so dringend bräuchte, damit mein Körper sich nicht auflöst. Aber mein Magen bleibt unbewegt, der Schmerz schlägt den drängenden Hunger in die Flucht. Der Hunger, der so wichtig wäre, damit ich essen und mein Innen und Außen sich harmonisieren könnten.

Ich lebe auf einem Blatt, farblos und ganz ohne Konturen bin ich eine Zeichnung in grau, aus Bleistift geschaffen. Ich denke mal. Immer zu viel.

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Auslese

Annäherungsweise

Die Sequenz einer Annäherung speist sich vor allem aus der sukzessiven Erhöhung der Wiedersehensfrequenz in Kombination mit regelmäßiger Kommunikation über alle aktuell verfügbaren Kanäle im analogen und digitalen Bereich. Je intensiver die Impulse der Annäherung ausschlagen, umso feinstofflicher die Wirkung auf die chemische Verbindung zwischen zwei menschlichen Molekülen. Die Verringerung der Dichte wie auch der Distanz in Zeit und Raum ist ebenso eine logische Folge der Annäherung wie die kontinuierliche Zunahme und die damit einhergehende Lautstärke an Herzschlägen pro Minute. Bei erfolgreicher Annäherung entsteht eine feste Legierung, deren Aggregatzustand sich jedoch in flüssig bis gasförmig verwandeln kann – abhängig von der Temperatur der durch die Annäherung entzündeten Leiden- sowie Liebschaft.

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