Hasard100

Norwegerin

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Ich sehe auf den Fjord, der seine eisblaue Zunge dem kaltweißen Gletscher entgegenstreckt und auf dem vielleicht gerade, an diesem strahlend heißen Tag im Mai, Tora Berger für die nächste Olympiade übt. Vor mir türmen sich Berge von braunduftenden Zimtwecken und saftigrosanen Himbeeren, neben mir sitzt meine Freundin, die Norwegerin, und mit jeder Beere naschen wir mehr von diesem glücklichen Tag.

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Hasard100

Berieseln

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Am Sonntag ist Stillleben. Träge schieben sich die Wolken über den Tagebau, werfen Schatten auf das verwundete Gelände, das sich gestern noch von einem feinen Regen hat berieseln lassen. Heute vertrocknen Sonne und Wind die rissige Haut der Erde, auf der kein Samen mehr keimen mag, sodass sich nicht einmal mehr Insekten in das tote Gebiet, das über den Horizont hinaus läuft, verirren.

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Hasard100

Alphorn

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Der Hahn hatte schon lange den Sonnenaufgang herbei gekräht, als ein tiefer Klang über das Tal hallt. Der Ton summt, hüpft über die nächsten Felsen, bahnt sich seinen Weg durch eine Spalte, läuft einen schmalen Bergpfad entlang, hält vor einem Abgrund inne, aber nur eine Millisekunde lang, um dann mit voller Wucht über die Schlucht zu springen, um an mein Ohr zu prallen. Wenn das Alphorn singt, ist Sommer.

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Auslese

Ein weißes Blatt, digital

Die Fläche ohne
irgendeinen Buchstaben
ziffernfrei
und damit das reine Blanko.
In Weiß, in Schwarz.
Am besten in Nichtfarben.
Und Unbeschrieben.
Oder unbemalt.
Zeugt von allem, was möglich.
Zeigt vor allem, was unmöglich.
Nichts ist
Alles.
Alles ist unabänderlich.
Wie das Weiß.
Wie das Schwarz.
Nichtfarbe untermalt
grün-leuchtende Schrift.
Worte laufen.
Ohne Sinn.
Aber Lyrik ohnehin.
Gute Nacht,
Welt in Bunt,
wenn Sonne Farben gibt.
Nur nicht
heute im Dunkel.
Mein Auge schließt,
die Lippe gepresst.
Head Ööd,
Welt da irgend.
Du bist da,
aber ich fehle.

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Auslese

Ein weißes Blatt

Ein weißes Blatt,
was weißes hat.
Was weises hat.
Beschreib ich es,
kommt Blau ganz kess.
Mit blau
ist’s lau.
Nicht weiß ist’s mehr,
c’est ça, c’est clair.
Doch weiser wird es
mit Grün ganz kess.
So grün, so blau.
Mir wird ganz flau.
Jetzt Rot dazu,
bunt ist’s im Nu.
Am See ich sitze,
das Blatt bekritzle.
Nehm Grün noch mal,
dann folgt die Wahl
auf Schwarz zum Schluss.
Ein Schreibgenuss!

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