Sortenreichtum

Mach(T)en

“Die Selbstsucht ist die Wurzel aller anderen Verderbtheit.”
Johann Gottlieb Fichte, (1762 – 1814), deutscher Theologe und Philosoph
Quelle : »Reden an die deutsche Nation«, 1808

“Entscheidend ist nicht die Frage, ob man Macht hat, entscheidend ist die Frage, wie man mit ihr umgeht.”
Alfred Herrhausen (1930-89), dt. Bankier, Vorstandsspr. Dt. Bank

Kommt Macht von machen? In Wikipedia steht dazu “Im Althochdeutschen, Altslawischen und Gotischen bedeutete das Wort Macht soviel wie Können, Fähigkeit, Vermögen.”

Machen jedoch heißt nicht können heißt also wiederum, dass der ähnlich klingende Wortlaut nicht zwingend zusammenhängend ist. Hier seien drei thematische Extreme und zugleich stellvertretende Beispiele beschrieben, die den Unterschied in der Bedeutung hinreichend bis genügend darzustellen vermögen:
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Unvollendet, Winter im Sommer

Eine Schneeschnuppe fällt auf meine Hand. Es ist Sommer, aber ich stehe zwischen kristallinen Eiszapfen, zitternd und wünschte, die Sonne wärmte kräftiger. 5.342 Meter hoch, ein Gletscher, der im gleissenden Licht perlt, ich habe auf dem Weg hierher alles hinter mir gelassen, was heiß gewesen ist. Ich recke mein kaltverbranntes Gesicht in den Himmel, will schreien, aber weißer Atemrauch kommt aus meinem Mund, fließt in die Luft um mich herum und produziert wolkige Stille.

Vor zwei Wochen war alles wie immer. Ich hatte mich mit Sina getroffen, wie immer dienstags in der Orangerie im großen Park am Mittenrand der Stadt. Wir haben auf der Bank gesessen, Kirschkerne in hohem Bogen in den kleinen Teich gespuckt, dazwischen lustigsinnlose Worte geplappert, und das Glück hat uns den Nachmittag versilbert. Die Parkbank war unser zuhause für die eine Stunde, die wir uns in jeder Woche gesehen haben. Zum ersten Mal übrigens an einem klaren Tag Anfang März.
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Anderssommerliebe

Nicht so schüchtern. Sagt Er zu Ihr.
Sie senkt den Blick, einen Bruchteil nur, dann schlägt Sie die Augen auf.
Schön wäre es. Sagt Sie zu Ihm.
Sie liegen im lichtergrünen Gras, sonnenbeschienen und himmelblau, Er pflückt eine weiße Lindenpolle aus Ihrer glänzendbraunenen Haarsträhne und reicht Ihr eine dottergelbe Butterblume.

Für Dich würde ich alle Wiesenblumen der Welt einmal sammeln. Sagt Er zu Ihr.
Sie schnuppert an dem Blütenkelch, ein paar Nanosekunden nur, dann streichen Ihre Fingerkuppen über Grashalme.
Es duftet so gut überall. Sagt Sie zu ihm.
Sie sitzen im saftiggrünen Gras, sommerlich warm und laublau, Er fängt einen roten Dreipunkt-Marienkäfer und setzt ihn auf Ihre bronzefarbene Hand.
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Weißt Du, wenn es kalt ist?

Weißt du, wenn es kalt ist?

Weißt du, wenn es kalt ist, ist es stets eine Sache mit Dir innenaußen: Der Körper so verletzlich, weil eisig, weil gefroren, weil der Kopf gestoppt und die Gefühle nicht mehr laufen.

Weißt du, wenn es kalt ist, ist es stets eine Sache mit allem Draußeninnen: Die Luft ganz klar, weil durchsichtig, weil trocken, weil die Haut gekräuselt ist und die Gedanken erstarrt jucken.

Kälte eishaucht und klärt und nun ja, ganz nun ja: Weißt wer Du bist, zwischen all den Schollen, frierst darin und bist. Bist eins mit der Materie, spürst Dich mehr, weil es Dir unglaublich scheint, aber es so einige Hitzemomente gibt. Weil es so viele unterkühlte Kaltaugenblicke gibt.
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Weißt Du, wenn es heiß ist?

Weißt du, wenn es heiß ist?

Weißt du, wenn es heiß ist, ist es stets eine Sache mit Dir selbst: Der Körper so nah, weil klebrig, weil nass, weil der Kopf spinnt und die Gefühle irre laufen.

Weißt du, wenn es heiß ist, ist es stets eine Sache mit allem Draußen: Die Luft ganz nah, weil stetig, weil feucht, weil der Schweiß rinnt und die Gedanken wirr raufen.

Hitze verwirrt und klärt und eigentlich, ganz eigentlich: Weißt wer Du bist, zwischen all der Suppe, schwimmst darin und bist. Bist eins mit dem Leben, merkst Dich mehr, weil es Dir unerträglich scheint, aber es so einige Kühlungsmomente gibt. Weil es so viele überscharfe Hitzaugenblicke gibt.
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Wenn das Leben Dir einen Streich spielt

Im zarten Alter von 8 Jahren hatte Lukas bereits den Ruf, ein Junge mit einem ganz besonderen Talent zu sein. Er konnte seine Klassenkameraden zu immer neuen Lausbubentaten überreden, ohne dass er selbst als Anstifter in Erscheinung hätte treten müssen. Erwischt wurden immer nur seine Kumpels, die ganz unbedarft das ausführten, was er ihnen in geheimer Runde befehligte. So wurde Martin dabei ertappt, als er der ungeliebten Banknachbarin von Lukas Zahnpasta auf das Pausenbrot schmierte. Besagte Schülerin hatte Lukas mehrfach einen Esel vor versammelter Klasse genannt, und Martin musste ihr nach seiner “Schandtat” eine Woche lang blankpolierte Äpfel mitbringen. Nicht besser erging es Heinrich, der der Klassenlehrerin einen Eimer Flüssigkeit über dem Kopf ausleerte – aus dem ersten Stock des Gebäudes wohlgemerkt. Der strenge Geruch, dem der Lehrerin für den Rest des Tages anhaftete war es wohl, der Heinrich einen saftigen Eintrag ins Klassenbuch und einen blauen Brief an die Eltern bescherte. Die Lehrerin hatte einige Tage zuvor Lukas eine Strafarbeit aufgebrummt, weil er den Unterricht durch permanent lautes Reden gestört hatte.
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Zum Zitat notiert

Per Zufallsklick durch den Zitatewald und nach Kategorie wie auch Autor sortiert, zur Schau gestellt und versuchsweise Kommentare zu weisen Worte und wortbildernen Allegorien gebildet. Heute zu Gast:

“Und ich erzog mir die Sprache zum Bösewicht.”
Herbert Achternbusch (*1938), dt. Filmemacher u. Schriftsteller

Verletzende Worte, spitze Zunge, ätzende Sätze, vergifteter Tonfall. Die Sprache als ausführendes Organ der bösen Macht, tötet wie ein pfeilschnelles Präzisionsgewehr auf den Buchstaben genau. Vor der Bluttat steht der Befehl. Jeden Tag ein hinterhältiger Meuchelmord. Üble Nachredefetzen wabern aus der Gerüchteküche und würgen an der Würde des im Gespräch Gemeinten. Manipulation der Massen mittels propagandagesteuerten Reden an die Nation. Ein Wort – ein Dolchstoss – ein gesellschaftlicher Untergang.

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