Auslese

So Mitte, so Seufz

Es dauert exakt 29 Minuten und 59 Sekunden, bis diese überteure Einkaufsstraße mich verschlungen hat. Die Menschen, die hier stehen und hübsch aussehen wollen, sind wie fiese Puppen, hohl, leer, Plagiate ihrer selbst. Alles Fassade, alles unecht. Und alles, was exklusiv sein will, fühlt sich nur in der Masse dieser glanzlosen Trendsetzer (oder Modeopfer?) wohl.

Es dauert exakt 1 Sekunde, dass ich an Dir vorbei gerauscht bin, mit dünnen Reifen auf der Flucht vor dieser Oberflächlichkeit, und dieser Moment hat mich glücklich gemacht. Dann habe ich diesen Augenblick herausgelöst aus der Menge von Liederlichkeit, mir auf unter die Zunge gelegt und ihn zu dem Stadtplatz im Bild mitgenommen.

Es dauert exakt 23 Sekunden bis ich meinen Lieblingsort hier in der Mitte erreicht habe. Auf dem grünen Rasen war ich beruhigt und schluckte diese einzelne Sekunde von Dir herunter zu meinem Herzen und spülte sie hoch in meinen Kopf. Da bist Du nun und bleibst, vergessen aber sind alle anderen Dingmenschen aus dieser überkandidelten Einkaufsstraßenwelt.

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Auslese

Lavie

Lavie entlang eines besonders honigfarbenen Frühlingsbeginns.
Lavie tropft sonnenheiß über quirliglaublaue Kleinsteine.
Lavie so mondsilbern und sternenbeleuchtet auf zartem Himmelsmund.
Lavie lackiert in Buttergold.
Lavie verführt.
Lavie verrückt.
Lavie entzückt.
Lavie bepudert mit Goldstaub.
Lavie so ultramarin und türkisübergrün auf weichem Wiesengrund.
Lavie fließt wasserklar über quickrosalebendige Feinstweine.
Lavie entlang eines besonders helldurchwirkten Elfenkinns.

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Auslese

24.000 Jahre später

Für PGY
°
Im Zuge der Geschehnisse in und um den Inselstaat J ist es naheliegend, sich einmal Gedanken über die (wenn in Menschenjahren gezählt) unvorstellbar ferne Zukunft zu machen und sich auszumalen, welchen Einfluss eine “dem Grenzwert doppelt überschreitende” oder “100.000fach stärkere” oder einfach nur “extrem hohe” radioaktive Strahlenbelastung auf die Evolution von Leben auf diesem Planeten haben könnte.

Aus Nichts kann nur Nichts entstehen.
Sämtliche radioaktive Substanzen kommen in der Natur vor und lassen Leben Leben sein. Mitunter reichern sich diese Elemente sogar in einer schmackhaften Umgebung an: Bananen enthalten Kalium-40 (Halbwertszeit: 1,3 Milliarden Jahre), jedoch in so geringen Mengen, dass von einer “Verstrahlung” keine Rede sein kann (auch wenn etwa 10 % der gemessenen natürlichen radioaktiven Belastung eines menschlichen Körpers durch körpereigenes Kalium verursacht wird). Ein Verzicht auf Kalium wäre zudem tödlich, handelt es sich doch um einen essentiellen Mineralstoff, der als Elektrolyt in unserer Körperflüssigkeit an der Steuerung der Muskeltätigkeit maßgebllich beteiligt ist und von dem wir etwa 2 Gramm am Tag zu uns nehmen sollten. Trotzdem: Bananen sind natürlich radioaktiv. Und deshalb dienen die gelben Früchte als Maß der Dinge, wenn es um die Messung von geringer radioaktiver Strahlung geht: A banana equivalent dose (BED) is a defined to be the absorbed dose of radiation due to eating one banana. Eine Banane reicht aus, um einen Fehlalarm von sensiblen Messsensoren auszulösen.
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MeinBauch

MeinBauch ist schon seit jeher ein empfindliches wie -sames Gerät. Von Beginn an in meine Mitte gesetzt, streckt er seine Fühler in einem perfekt geformten Kreisrund aus und schlägt zu gegebenem Anlass aus. Jedes Gefühl, das er aus der ihm eigenen Intuition entwickelt, wird vom ihm gen Gehirnhimmel geschickt, dort verarbeitet und an ihn zurückgemeldet. Und er reagiert. Hunger ist dann, wenn die Zahnräder meiner Welt wohl geölt sind, Satt ist dann, wenn die Warnlämpchen ruhen.
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Spülschwammgier

Bin ich so konsumgeneriert, dass selbst der Spülschwamm zum Objekt meiner Begierde wird? In dreifacher Ausfertigung liegt er glitzerndlockend im Laden immer genau da, wo mein Auge auf dem Weg zur Bezahlstation entlang schweift.

Schwarz-silber, rot-silber, weiß-silber. So absolut passend zum Rest meiner Einrichtung, damit selbst die profane Spüle einem gewissen Glanz nicht entbehrt. Er passt so perfekt in meine perfekte Welt von Dingen, die zueinander passen – Gestalt ist Stil und wichtig in meiner, in Deiner, in unserer Welt des MehrScheins als WirklichSeins.
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Blauglasig

Auf meiner Straße, so ziemlich genau in der Mitte zwischen Gelbhaus hier und Großkreuzung da, war auf dem Asphaltgrau eine erste Yves Klein monochromblaue Flasche zerplatzt. Blauschimmernde Scherben glitzerten spitz in der überstrahlten Eissonne des Morgens. Ich konnte das Rad gerade noch ein Stück davor schützen, hindurch zu drehen, sonst wäre mein Reifen zerfetzt und das glühende Blau hätte meine Wut entfacht.

Auf meiner Straße, so ziemlich genau in der Mitte zwischen Großkreuzung hier und Gelbhaus da, war auf dem Asphaltgrau eine zweite Yves Klein monochromblaue Flasche zerplatzt. Blauschimmernde Scherben glänzten spitz in der hochgleißenden Wintersonne des Mittags. Ich konnte das Rad gerade wieder noch ein Stück davor retten, hindurch zu rollen, sonst wäre mein Reifen zerrissen und das wütende Blau hätte meine Glut entfacht.

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Sortenreichtum

Zwischenwissen

Wer weiß schon:
Was kommt davor.
Oder danach.
Wer will das
Eigentlich, ganz eigentlich
Denn & überhaupt
Wissen?
Was bringt es
Zu wissen
Was davor war
Oder danach wird.

Wissen sei Macht?
Wissen macht wach.
Macht müde.
Wer zuviel weiß,
Weiß nichts mehr.
Davor nicht.
Danach auch nicht.
Aber vielleicht, vielleicht:
Zwischendrin wissend sein.
Wer das weiß,
Weiß mehr als.

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Sortenreichtum

B, nachts, nüchtern

Erstaunlich wie sich B mancherortsdunkel präsentiert, wenn man so gänzlich kopfklar und längst nach 00:00 Uhr an Ausgehorten herumwandelt. Da erscheint das ganze Nachtschwärmerelend so deutlich, von dem man sonst ein harmonischer Teil zu sein ist, wenn Geistvernebelndes durch Blut und Hirn rauscht.

Nicht subtanzentiviert nervt das Clubtürgestehe mehr als unglaublich, zumal es so offensichtlich Teil einer dummhiptrendsch*** Taktik ist, wenn nur 5 Tanzfreudige erst anstehen und trotzdem die Wartereizeit mehr als 20 Minuten beträgt. Seltsames Gebahren, uncool.

Verlässt man die Angesagtstätte fluchtartig, um mit der seitzeiten unregelmäßig fahrenden Ringbahn zu einem anderen Zielort zu gelangen, wird man Ungewolltzeuge von durchgeknalltgewaltbereiter Jugend in einem fast leeren Abteil. An der nächsten Schnellbahnstation steigt der Wenigrest auch noch aus dem Waggon, so dass man besser einen Umweg in Kauf nimmt und ebenfalls hier umsteigt.

Am Ostkreuz: Hier ist Drehscheibe der Alleinsamen, Aggroübersiven, Assozialisierten. Anstrengend das. Viel Alkohol, viel Scherben, viel Kaputtes überall. Umsteigen nächste Station und rein in die Partylinie M10. Wie immer voll, voller vollen Menschen, so voll, dass sie aus der Bahn drängen und purzeln, um ihren Magensauerinhalt über die Straße zu ergiessen. Wenigstens nicht in der Tram, sondern nur als Superschau davor.

B | Feierstadt man hat Dich satt,
wenn man nachts nüchtern ist.

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Sortenreichtum

Einmal Bitte

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