Auslese

Wunschdings

Wenn ich einen einzigen Wunsch frei hätte, ja, wenn ich mir irgendetwas wünschen dürfte, ich wollte gerne 20 Sprachen sprechen. Und schreiben. Ob ich mit einer weltgewandten Zunge und völkerverständigen Feder glücklicher wäre, weiß ich nicht. Aber ich könnte diese Welt ein bisschen besser verstehen, vielleicht. Ich könnte alle Bücher in den richtigen Zeichen lesen, ich könnte bei allen Wortklamauk spielend mitlachen. Meine Augen könnten Schilder auf der ganzen Erde verstehend abtasten, Mein Kopf könnte Symbole als sinnvolle Sätze begreifen und mein Mund könnte in verschiedenen Kulturen das Küssen lehren und lernen.

Ich wäre freier, überall hinzugehen, überall zu sein mit mir und mit neuem anderen auch. Ich wäre begabter, überall mir zuzuhören und allen anderen auch. Ich wäre beschwingter im Reden und gelöster im Denken. Ich wäre weiter im Geist und leichter in der Seele. Schwebend über den Kontinenten der Erde, ginge ich von irgendwo nach irgendwohin, denn eine kürzere und schnellere Verbindung zwischen allen Ländern gibt es nicht. Wenn es also ein Wunschdings gäbe für mich, so wären es die Sprachen der Menschen.

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Auslese

Früher

Früher ist immer dann, wenn jetzt nicht gut ist.
Früher war alles besser.
Die Erinnerung. Sagt. Früher.
Weil früher immer besser war.
Wundervoller als das Jetzt.
Die Erinnerung. Trügt. Früher.
Früher ist eine Zeit, die nur im Kopf existiert.
Deswegen so biegbar, so formschön,
so immerwährend gut, besser, am besten.

Früher. War der Himmel blau und es schien die Sonne.
Früher. War der Griesbrei lau und die Kirschen Wonne.
Früher. War das Herz so frei und der Kopf so bunt.
Früher. War die Schönheit einerlei und das Ich ein Hund.

Früher ist. Immer dann. Wenn Jetzt. Schlecht ist.
Deshalb ist:
Früher. Stets ein Trost.
Ein Bonbon in rot und weiß, sahnig.
Zartschmelzend und ein Paradies.
Die Schokolade in den Gedanken.
Mit Vanilleschaum umwoben.
So wohlschmeckend und leicht.
Früher is/st was heute nicht sein darf.

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mapping*

13h – 14h
—-
last call ende des jahres
bedeutet anfang dezember.
geht doch mal gibt
also da wäre luft.
weisste. sie wissen im moment
noch mal nachhaken
sachen, die ich richtig
brauch vorlage, sozusagen.
schon eingetaktet fertig werden.
genau zum ende. nur
dann sinn, wenn oder. wie die
läuft. irgendwas abzustimmen.
das könnte man schon mal
oder wenn du die ganze ein
wisch und zwei wochen
später aus meiner sicht.

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Kummer und Verzagtheit

Eine Reminiszenz an Melancholia von Lars von Trier

Ich denke mal. Zu viel davon. Zu viel im Kopf, fällt es in meinen Bauch das böse Gedankengut und macht mich schwach. Ein Strich bin ich, ganz dünn in einer flachen Welt, zweidimensional und ungefaltet. Sie dreht sich nicht, diese meine Welt. Nur in meinem Kopf ist alles in Bewegung, stets und ständig und immer nagend. Es macht schon fast keinen Unterschied mehr, ob Draussen Stillstand und Drinnen Aufruhr herrscht. Es mischt sich und dringt durch mich.

Ich denke mal. Zu viel auf einmal. Und es macht mich rasend und unruhig und zunehmend verwirrt. Gedankenfluten füllen meinen Bauch und es gibt keinen Platz mehr für Nahrung, die ich so dringend bräuchte, damit mein Körper sich nicht auflöst. Aber mein Magen bleibt unbewegt, der Schmerz schlägt den drängenden Hunger in die Flucht. Der Hunger, der so wichtig wäre, damit ich essen und mein Innen und Außen sich harmonisieren könnten.

Ich lebe auf einem Blatt, farblos und ganz ohne Konturen bin ich eine Zeichnung in grau, aus Bleistift geschaffen. Ich denke mal. Immer zu viel.

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Tollschön

Du machst mich schön.
Schöner als ich je glaubte, sein zu können.
Du fragst mich, seit wann ich so hübsch sei.
Ich bin so hübsch, seitdem es Dich gibt um mich.
Bist Du hier, bin in Dir, mit Dir, bei mir.

Du machst mich bunt.
Bunter als ich je hoffte, sein zu dürfen.
Du fragst mich, seit wann ich so schillernd sei.
Ich bin so schillernd, seitdem Du mich berührt hast.
Bin ich bei Dir, bist Du mit mir, in mir, hier.

Du machst mich anders.
Anders, als ich dachte, ich selbst zu sein.
Ich frage mich, seit wann ich anders bin.
Ich bin anders, seitdem ich selbst bin.
Sind wir hier, zusammen, zweisam, ein Dir und mir.

Du. Ich.
Toi. Moi.
Wir. Nous.
Hier. Da.
Voici. Lá.

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Ein weißes Blatt, digital

Die Fläche ohne
irgendeinen Buchstaben
ziffernfrei
und damit das reine Blanko.
In Weiß, in Schwarz.
Am besten in Nichtfarben.
Und Unbeschrieben.
Oder unbemalt.
Zeugt von allem, was möglich.
Zeigt vor allem, was unmöglich.
Nichts ist
Alles.
Alles ist unabänderlich.
Wie das Weiß.
Wie das Schwarz.
Nichtfarbe untermalt
grün-leuchtende Schrift.
Worte laufen.
Ohne Sinn.
Aber Lyrik ohnehin.
Gute Nacht,
Welt in Bunt,
wenn Sonne Farben gibt.
Nur nicht
heute im Dunkel.
Mein Auge schließt,
die Lippe gepresst.
Head Ööd,
Welt da irgend.
Du bist da,
aber ich fehle.

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Ein weißes Blatt

Ein weißes Blatt,
was weißes hat.
Was weises hat.
Beschreib ich es,
kommt Blau ganz kess.
Mit blau
ist’s lau.
Nicht weiß ist’s mehr,
c’est ça, c’est clair.
Doch weiser wird es
mit Grün ganz kess.
So grün, so blau.
Mir wird ganz flau.
Jetzt Rot dazu,
bunt ist’s im Nu.
Am See ich sitze,
das Blatt bekritzle.
Nehm Grün noch mal,
dann folgt die Wahl
auf Schwarz zum Schluss.
Ein Schreibgenuss!

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