Hasard100

Linolsäure

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Maiskeimöl. Zäh fließt der goldgelbe Saft über frischgrünes Salatblatt, gleitet hinunter bis zur fruchtigroten Tomatenscheibe und tropft schließlich auf orangezarte Möhrenraspel am Grund der weißgläsernen Schüssel.

Er soll gesünder leben, weniger Fleisch, mehr Gemüse und ungesättigte Fettsäuren. Deshalb der Salat, der ihm nicht schmeckt. Er versucht es mit Poesie. Klappt aber nicht wirklich.

Vielleicht hilft die Chemie? Er schaut der Strukturformel der Linolsäure hinterher. Seine Augen folgen der Linie vom O über das OH bis zum CH. Dort angekommen, ist die Salatschüssel leer.

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Winkel

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Mit der Spitze ihres Bleistifts tippt sie auf das weiße Blatt und berührt den blassroten Kreis, der sich von einem Glas Rotwein als kreisrunder Tropfen auf das Papier gesetzt hat.

„Es sieht aus wie ein Winkel in einem Kreis“, sagt sie und denkt an ihren alten Mathematik-Lehrer, der ohne Lineal gerade Linien mit der Kreide auf der Tafel ziehen konnte. Dafür waren seine Kreise meistens eher oval als rund.

Aber sie erinnert sich jetzt an ihn. Da fällt ihr sein Name wieder ein.

Winkelmann.

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Zwei

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Ein Fall für ZWEI lässt mich nicht mehr los. Aus Ein- wird ZWEIsamkeit – was im ZWEIfel für diese Zahl spricht. Andereseits entZWEIt sie dort, wo Einigkeit gefragt wäre. Denn an jedem AbZWEIg des Lebens müssen ZWEIE eine gemeinsame Entscheidung treffen: Nehmen wir Weg eins oder wählen wird Pfad ZWEI? Zu ZWEIt entsteht bei dieser delikaten Frage oft Streit.

Im Widerspruch liegt die Stärke dieser verZWEIfelt genialen Ziffer. Denn eigentlich gibt es keine gerade Primzahlen, diese aber teilt sich durch 1 und 2 und damit durch sich selbst.

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Teydefink

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Ich öffne das Buch der Kanaren und heraus springt ein blauer Fink. Er tippelt lustig über die aufgeschlagene Seite, pickt hier und da nach einem Buchstaben. Er mag, so scheint’s, ganz besonders gern das große A und das kleine k.

Ich denke an die schroffen Felsen auf Teneriffa, den Vulkan, der nicht mehr spuckt und meine letzten Tage im Herbst dort auf der Insel.

Dann blickt er mich mit seinen blanken Knopfaugen an, nickt mit dem Köpfchen und ohne einen Piep zu tun, fliegt er davon, mein kleiner Teydefink.

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Beißen

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Wütend bellt der Hund und zerrt an der Kette. Der Speichel tropft schaumig aus seinem großen Maul, er bleckt die Zähne, beißen will er. „Bellende Hunde beissen nicht,“ sagt Michael. Er sagt „beissen“ und nicht „beißen“, weil er aus der Schweiz kommt und man dort das ß nicht schreibt. Eigentlich hört man den Unterschied gar nicht, man liest ihn nur.

Michael nähert sich ganz ruhig dem Hundezwinger und hält dem Hund einen alten Knochen hin. Der Hund hört mit dem Gebell auf und schnüffelt an dem Knochen. Dann beisst er zu.

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Krämerseele

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Einst kam ein Bauer zum Krämer und bat diesen um einen Nachlass auf das Brot, denn der Preis hatte sich um einen halben Gulden erhöht. Der Bauer aber musste den Hunger seiner drei kleinen Kinder stillen und trug so seine Bitte beim Krämer vor.

Der Krämer aber antwortete diesem: „Eher gebe ich meine Seele dem Teufel, als dass ich das Brot für die Hälfte verkaufe.“ Kaum hatte der Krämer ausgesprochen, so fuhr der Leibhaftige auf, um die Krämerseele zu holen.

Seitdem wandert die von Geiz und Habgier getriebene Krämerseele unruhig durch die Welt.

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Abkürzung

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„Ich gehe Zuhaus“, sagt sie. Das ist grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber sie hat das schon immer so gesagt – auch jetzt noch, wo sie Lehrerin an der kleinen Schule südlich von ihrem „Zuhaus“ ist.

Der schnellste Weg zur Schule führt durch den dunklen Wald. Das ist eine Abkürzung. Sie fürchtet sich nicht, denn im Wald ist es im Sommer kühl und im Winter still. Sie mag es mit dem Wald allein zu sein und nur das Knirschen ihrer Schritte zu hören.

Sie geht nicht über Los, aber die Abkürzung durch den Wald ist ihr Schicksal.

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Bundesland

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Bundesland, du buntes Land. Bist ein Puzzle aus Kommunen, Landkreisen, Regionen. Deine Flächen sind besetzt mit Groß- und Kleinstädten, mit Dörfern und Gehöften; Flüsse strömen durch die Adern deines Bundeslandseins. Autobahnen, Landstraßen, Alleen, Feld- und Waldwege durchkreuzen deine Ebenen.

Buntes Land, du Bundesland. Du magst winzig oder riesig sein, doch bist du immer ganz Verwaltung und auch immer ganz Heimat. Mal sind die Menschen in dir pro Quadratmeter dicht gedrängt, mal weit verstreut. Einsam sind deine Berge, still deine Seen, hektisch deine Metropolen und industriell deine Landschaften.

Bundesland, du buntes Land. Bist nur Teil des großen Ganzen.

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Zögern

Hasard100 Zögern

Ich stehe an der Kreuzung und lese die Straßennamen. Ich zögere. Die Straße links trägt einen richtungsweisenden Namen. Aber Varian Fry. Ich zögere. Wer ist er? Ich zögere. Spontan fällt mir Matt Gronings Futurama ein. Fry.

Ich zögere. Ich friere. Vielleicht weil das englische fry wie frieren klingt. Oder wie frei. Ich zögere. Meine Gedanken fliehen dahin. Rechts, links und ich weiß nicht wohin damit.

Ich zögere. Tippe Varian ein. Die Suche läuft. Varian Fry, amerikanischer Journalist und Freiheitskämpfer im Zweiten Weltkrieg in Frankreich. Warum ist er hier verewigt? Ich zögere. Der Wind bläst zu kalt um diese Sommerzeit.

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Auslese

Unser Triumph

Das Leben vibriert und liegt unter der gelblackierten Haube des Triumphs.
Das Leben zittert vor Glück und tritt auf das Gaspedal unter dem hölzernen Armaturenbrett des Triumphs.
Das Leben spuckt Feuer vor Freude und strahlt in Sonnengelbgold und Mondsilberchrom mit dem herrlichsten Frühlingstag im Triumph.
Das Leben ist ein Brummendes, Summendes, es hat 4 Räder und Sitze aus Leder.
Das Leben – unser Triumph.

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