Auslese

Wider den tierischen Ernst

Der Erpel Ernst machte seinem Namen alle Ehre, als er widerspenstig seiner Zähmung mit allem ihm gebotenen Ernst entgegenblickte. Der sonst so lustige Vogel, der er war, wollte sich nicht schnabelzahm der Brotkrummen säenden Meute ergeben. Also zog Ernst wider seinen Sachern der Logik letzter Schluss als er durch einen provozierten Schuss in Brust und Bein durch Schrot und Korn im Schilf danieder gestreckt wurde.
Den Braten hat der Erpel Ernst den widerlichen Lockvögeln dann noch gründlich versauert – denn mit bierernster Mine flog er kurz vor seinem diesseitigen Ableben über den singenden Röhricht hinweg, die Brust stolz geschwellt und Aug in Aug mit Gevatter Tod, der ihm als eine Taubenbrut erschien – das kann nur, ja muss gar ein zähfasriges Stück Keule ergeben haben. Auch mit den Federn des Entenviehs konnte der hochmütige Vogelmörder nichts Rechtes mehr anfangen, war diese einstmals farbenfrohe Pracht durch das Schießpulver gänzlich zerrupft und schwarzgeblasen.
Und so schnattatert der Erpel Ernst jetzt im jenseitigen Dasein und lacht sich ins Schnäbelchen. Wider den tierischen Ernst, wider den Hochmut.

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Wortvariation

Schneispiration

—-
Im Abendland, im Winter.

“Schnei, wenn du kannst!”
Schneit der Marktschneier.
“Du bist ja nicht geschneit!”
Ruft da schnein Schneib.

“Schnei Schneiben Käse bitte.”
Bestellt des Schneiders Sohn.
“Kommt schneich.
Dazu einen schönen Schnein?”
Fragt des Marktschneiers Schneib.

—-
Im Morgenland, zeitgleich.

“Schneich Dich, Schneibeigener!
Sonst gibt’s was mit der Schneitsche.”
Brüllt der Schneich.
Im schneiligen Land.

“Schnei die Gnade mit Euch!”
Bittet einer der schneisen Schneise.
“Denn ein schneiser Schneich ist,
der schneie Geschneitheit
in Milde umzuschneiten vermag.”

—-
Schnei gesagt: Schneie Schneinachten!

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Sortenreichtum

Das Leben ist ein/e Beruf/ung

~~~ Teil 1 ~~~
Das Leben

ist eine Hure, ist eine Krankenschwester, ist eine Lehrerin, ist ein Liebhaber, ist eine Mutter, ist ein Vater, ist ein Drehbuchautor, ist ein Regisseur, ist ein Maler, ist ein Handwerker, ist ein Priester, ist ein Feuerwehrmann, ist ein Biologe, ist ein Schauspieler, ist ein Astronaut,

ist ein Komponist, ist ein Mathematiker, ist eine Ballerina, ist ein Projektmanager, ist ein Landstreicher, ist ein Filmvorführer, ist ein General, ist ein Politiker, ist eine Sekretärin, ist ein Kriminalhauptkommissar, ist ein Detektiv,

ist ein Gärtner, ist ein Zoowärter, ist eine Schuhverkäuferin, ist ein Taschenspieler, ist ein Zauberkünstler, ist ein Bankdirektor, ist ein Internist, ist eine Sopranistin, ist ein Rockmusiker, ist ein Koch, ist ein Klavierspieler, ist ein Klempner, ist ein Drogenhändler, ist eine Friseuse,

ist ein Bestattungsunternehmer, ist ein Gauner, ist ein Goldschmied, ist ein Kabarettist, ist ein Maskenbildner, ist ein Bühnenbauer, ist ein Hausmeister, ist ein Erzieher, ist ein Architekt, ist ein Designer, ist ein Bildhauer, ist ein Tagelöhner, ist ein Nachtwächter,

ist, wie es ist: ein Leben.
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Sortenreichtum

Kiesel im Schuh

Auf dem Gehweg, etwa 1.000 Meter lang, Sonntagabend ist es, ca. 22:00 Uhr. Es ist kalt, mein Atem raucht. Es ist dunkel, Laternenlicht teilt meinen schemenhaften Schatten in zwei. Rechts und links läuft er vorbei an mir, wird länger, verschwindet, um dann wieder hinter mir aufzutauchen, rechts und links. Mein Schuhwerk klackert laut auf dem Asphalt, mein Blick ist gen Boden gesenkt, sucht den nächsten Anhaltspunkt, zum Beispiel ein Kaugummimal, ein ebenerdiges Graffiti, einen Bordstein, der den Quergang einer Straße markiert.

Es geht gut voran das Laufen, wenn ich mich an an Beppo, den Straßenkehrer halte. Der gesagt hat, dass ein Ziel nur dann in erreichbare Nähe rückt, wenn man sich auf den nächsten Besenstrich konzentriert und nicht auf die ganze Straße, die vor einem liegt. Ein guter Rat.

Ich sehe auf die Platten den Gehsteigs, rautenförmig angeordnet sind sie, eine folgt der nächsten. Ich könnte jetzt das alte Spiel spielen: Tritt nicht auf die Linien, sie sind tödlich. Aber zu kompliziert ist das für ein rasches Nachhausekommen, deshalb übe ich mich im schnellen Schritt ohne Einschränkungen. Bis …
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Auslese

Bildhübsch

Blaulaugeläutertes Gehen über poliertes Holz. Grüngras soweit das Auge sieht bis zum mitten im leeren Raum stehenden Dom. Schwarzbraune Puppenschuhe klappern steppend auf den Planken, dazu Plingkling wie Wasserperlentropfen den Weg rauf und runter. Buntgesprühtes Mauerngrau begrenzen dieses Stück unsichtbaren Schlosses an drei der Seiten. Links oben unter Riesenfrauenbildern mit Riesentoupierthaarprachten Steinhaufenweise, eingezäunt und nicht betretbar für Unbefugte.

Blaukaltgeatmetes Anlitz in die Sonne recken, erste Frühjahresboten oder optische Täuschung nur? Beschwingten Schrittes über den Platz, der keiner ist, hüpfen, sich hüten von der Linie abweichend übertretend zu sein. Goldtag heute, Prunkort im Gleisendlicht. Und ich laufe durch das Bild der Stadt, ich bin im Bild mit drin, hänge im Museum da gegenüber, werde betrachtet, beachtet. Wo ist?

Und weiter tragen uns die Lustwandlungen dorthin, wo die Weite der Mitte sich eng verschlingt, Häuserfronten tief über uns hängen. Der Himmel ein blauschmales Band, er dunkelt nach, Eis fährt in die Warmglieder, Kaffeeschokolade mit Apfelingwer tut Not für den, der heiß im Inneren sein will und muss. Ein schöner Tag, ein Tag im Bild vom Bild meiner Stadt. Ein Tag wie Zuckerwatte.

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Sortenreichtum

hier, dort, dahin

hier ist wo ich bin,
dort ist wo ich sein werde,
dahin gehe ich,
wohin auch immer
diesseits es sein wird.

jenseits ist außerhalb,
drüben ist woanders,
zurstelle sein werde ich,
wenn hier dort ist
und dahinten nirgendwo anders.

ist da dort,
ist dort da.
ist ja ein ort,
ist dieser wahr.
gänzlich klar?

oder doch anderenorts,
allgemein im irgends,
jenseits des worts,
also im nirgends.
gänzlich wirkt es?

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Reiseweise

Innensichten, historisch & erstaunlich

Ich war in der Neuen Synagoge. Der Besuch hat sich aus der räumlichen Nähe und der Stille, die zu diesem Zeitpunkt um mich herum war, ergeben. Eigentlich wollte ich schon lange dorthin gegangen sein, bin ich doch sehr an diesem Ort und seiner Geschichte interessiert: Einerseits, weil ich kurz nach Beendigung meiner Schulzeit einige Zeit in Israel verbracht habe und mich seitdem immer wieder mit der jüdischen Kultur beschäftigt habe. Andererseits gibt es einen familiären Zweig, der mich ein Teilchen dieser Geschichte werden lässt. So war ich endlich in der Neuen Synagoge, wo mir der Zufall (oder war es das Schicksal) einen gehörigen Streich spielte. Kann auch sein, dass es die Mystik gewesen ist, die sich hier eingemischt hat. Wie dem auch sei, diese Begebenheit macht diesen besonderen Ort umso erstaunlicher. Weiterlesen

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{ Zum Zitat notiert } Majestätsbeleidigung

Zum Leidwesen Ihrer Majestät war der Staat nicht in der Lage, etwas an der Schieflage im Finanzhaushalt aus eigener Kraft zu ändern. Nun sei es zwar nur ein böses Gerücht, so der Herr Hofmarschall zu Ihrer Durchlaucht, dass die gähnende Leere in den Landeskassen durch die Verschwendungssucht des gesamten Hofes zustande gekommen sei. “Doch”, so sprach er mutig aus, was andere nicht einmal zu denken wagten, “Wäre es sicherlich nicht das Schlechteste an den Ausgaben, die am Hofe zu reinem Vergnügen getätigt werden, zu sparen.” “Denn”, so fuhr er unbeirrt fort, “ der immense Schuldenberg wird nicht allein durch eine Erhöhung der Steuergelder und das Knechten Eurer Untertanen abzutragen sein.” Weiterlesen

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