Auslese

Unvollendet, Winter im Sommer

Eine Schneeschnuppe fällt auf meine Hand. Es ist Sommer, aber ich stehe zwischen kristallinen Eiszapfen, zitternd und wünschte, die Sonne wärmte kräftiger. 5.342 Meter hoch, ein Gletscher, der im gleissenden Licht perlt, ich habe auf dem Weg hierher alles hinter mir gelassen, was heiß gewesen ist. Ich recke mein kaltverbranntes Gesicht in den Himmel, will schreien, aber weißer Atemrauch kommt aus meinem Mund, fließt in die Luft um mich herum und produziert wolkige Stille.

Vor zwei Wochen war alles wie immer. Ich hatte mich mit Sina getroffen, wie immer dienstags in der Orangerie im großen Park am Mittenrand der Stadt. Wir haben auf der Bank gesessen, Kirschkerne in hohem Bogen in den kleinen Teich gespuckt, dazwischen lustigsinnlose Worte geplappert, und das Glück hat uns den Nachmittag versilbert. Die Parkbank war unser zuhause für die eine Stunde, die wir uns in jeder Woche gesehen haben. Zum ersten Mal übrigens an einem klaren Tag Anfang März.
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Weißt Du, wenn es kalt ist?

Weißt du, wenn es kalt ist?

Weißt du, wenn es kalt ist, ist es stets eine Sache mit Dir innenaußen: Der Körper so verletzlich, weil eisig, weil gefroren, weil der Kopf gestoppt und die Gefühle nicht mehr laufen.

Weißt du, wenn es kalt ist, ist es stets eine Sache mit allem Draußeninnen: Die Luft ganz klar, weil durchsichtig, weil trocken, weil die Haut gekräuselt ist und die Gedanken erstarrt jucken.

Kälte eishaucht und klärt und nun ja, ganz nun ja: Weißt wer Du bist, zwischen all den Schollen, frierst darin und bist. Bist eins mit der Materie, spürst Dich mehr, weil es Dir unglaublich scheint, aber es so einige Hitzemomente gibt. Weil es so viele unterkühlte Kaltaugenblicke gibt.
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Weißt Du, wenn es heiß ist?

Weißt du, wenn es heiß ist?

Weißt du, wenn es heiß ist, ist es stets eine Sache mit Dir selbst: Der Körper so nah, weil klebrig, weil nass, weil der Kopf spinnt und die Gefühle irre laufen.

Weißt du, wenn es heiß ist, ist es stets eine Sache mit allem Draußen: Die Luft ganz nah, weil stetig, weil feucht, weil der Schweiß rinnt und die Gedanken wirr raufen.

Hitze verwirrt und klärt und eigentlich, ganz eigentlich: Weißt wer Du bist, zwischen all der Suppe, schwimmst darin und bist. Bist eins mit dem Leben, merkst Dich mehr, weil es Dir unerträglich scheint, aber es so einige Kühlungsmomente gibt. Weil es so viele überscharfe Hitzaugenblicke gibt.
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Pflanzungen

Ich habe einen Balkon, der 3 Meter breit und 5 Meter lang ist. Er ist zur Nordseite ausgerichtet, die Sonne scheint nie darauf. Aber ich pflanze. Jedes Jahr neue Pflänzchen, und das mehrmals, weil ich den Schatten ignoriere. Nachtschattengewächse sind nicht mein Gemüt, also versuche ich die lichtgeneigten Wesen mit klarem Wasser am Leben zu erhalten. Das gelingt mir über ein paar Wochen hinweg, dann muss ich Abschied nehmen von den verkümmerten Blättern und Blühten. Ein grüner Daumen wurde mir wohl nicht in die Wiege gelegt, obwohl ich mit ihnen spreche, den zarten Gebilden.
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acetylfluoride actinometer adjusted

Seit Erfindung des elektronischen Postsystems kann ich mich vor Anfragen aus aller Welt, aus dem Nirvana, aus dem Garten Eden und aus ekstatischen Himmeln gar nicht mehr retten. Es ist einfach grandios, vielfältige Angebote zu erhalten, die mir mehr Potenz durch das Tragen von katzenvergoldeten Armbanduhren mit überdimensionierten falschen Edelsteinen versprechen – zu einem sensationellen Preis versteht sich! Ganz unglaublich wunderbar sind auch die Briefe, die ich mir durch meine gefühlten 5.789 anderen virtuellen Persönlichkeiten selbst schreibe: Die erotischen Versprechen die ich mir in den Betreffzeilen mache, sind außergewöhnlich differenziert, doppeldeutig bis ungeziemlich – ich wusste gar nicht, dass meine Fantasie so ausschweifend-exzessiv-kreativ ist.
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Schenk mir Honig

An einem Tag wie diesem, irgendeinem also, habe ich Deine türkisfarbenen eisblauen karamellbraunen Augen entdeckt. Ein Schluck Liebe rann durch mein Herz, sofern es noch schlug, ich weiß es nicht mehr zusagen. Bonbonsüßes Geplapper gabst Du von Dir, wohl um mich zu umgarnen, war aber nicht ich die Spinne und Du der Schmetterling, der sich in klebrigen Fäden meines Netzes verflattert hatte? Ich glaubte Dir, wußte ich aber doch, dass nur alles glänzt, nichts aber echt ist, und viel davon in Zukunft nicht bestehen bleiben kann.
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Gränsel und Hetel

An einem wunklen Dald lebten Gränsel und Hetel mit Stater und Viefmutter in einem heinen Klaus. Die stöße Biefmutter war den keiden Bindern nicht wohlgesonnen und schimpfte den tanzen Gag. Eines tonnigen Sages war es so arg, dass Gränsel und Hetel weinend in den woßen Grald liefen, weil sie nicht aun noch eis wussten.
Immer tiefer gerieten sie in das uchte Dinterholz, aber Hetel hatte breiche Wotkrummen gestreut, damit die kingstlichen Änder wieder hach Nause finden könnten.
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