Auslese

Ein weißes Blatt, digital

Die Fläche ohne
irgendeinen Buchstaben
ziffernfrei
und damit das reine Blanko.
In Weiß, in Schwarz.
Am besten in Nichtfarben.
Und Unbeschrieben.
Oder unbemalt.
Zeugt von allem, was möglich.
Zeigt vor allem, was unmöglich.
Nichts ist
Alles.
Alles ist unabänderlich.
Wie das Weiß.
Wie das Schwarz.
Nichtfarbe untermalt
grün-leuchtende Schrift.
Worte laufen.
Ohne Sinn.
Aber Lyrik ohnehin.
Gute Nacht,
Welt in Bunt,
wenn Sonne Farben gibt.
Nur nicht
heute im Dunkel.
Mein Auge schließt,
die Lippe gepresst.
Head Ööd,
Welt da irgend.
Du bist da,
aber ich fehle.

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Ein weißes Blatt

Ein weißes Blatt,
was weißes hat.
Was weises hat.
Beschreib ich es,
kommt Blau ganz kess.
Mit blau
ist’s lau.
Nicht weiß ist’s mehr,
c’est ça, c’est clair.
Doch weiser wird es
mit Grün ganz kess.
So grün, so blau.
Mir wird ganz flau.
Jetzt Rot dazu,
bunt ist’s im Nu.
Am See ich sitze,
das Blatt bekritzle.
Nehm Grün noch mal,
dann folgt die Wahl
auf Schwarz zum Schluss.
Ein Schreibgenuss!

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Cœur de l’été

Wie still es ist.
Zartleise und Bitterweich.
An der Tür zum Sommer.
So still. Um mich herum.

Wie heiß es ist.
Süßweiß und Goldglühend.
An der Schwelle zum Hochsommer.
So heiß. Um uns herum.

Wie es hier jetzt ist.
Anders als zuvor.
Ein bisschen leergefühlt vielleicht.
So ist es hier jetzt.
Um mich herum.

Wie es wohl dort ist?
Anders als hier.
Ein bisschen einsam vielleicht.
So ist es dort jetzt.
Um uns herum.

Frühsommer ist vorbei.
Zu rasch vorüber gegangen.
Hochsommer kommt jetzt.
Die Nächte werden hitziger.
Schlaflos.

Frühling war Sommer.
Zu wenig laue Temperaturen.
Mittsommer steht an.
Die Nächte werden heller.
Traumlos.

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Absolut Heißes und Glasklares

Für das Innere sagt man, sei Absolut Heißes und Glasklares von höchster Wirksamkeit was den Seelenbalsam angeht. Herunter gekühlt von sprudelnd 100° auf etwa 80,23° ist es gut trinkbar, ohne dass die Zunge oder der Gaumen eine Verbrühung befürchten müssten. In kleinen Schlückchen genossen schmeckt das flüssige Etwas neutral, läuft es erquicklich wie nichts die Kehle herunter und landet mit Wärme im Bauch, also im Zentrum allen Schönseins.

Für das Äußere sagt man, sei Absolut Heißes und Glasklares von unglaublicher Wirkkraft was das Erscheinungsbild angeht. Hochgekocht von 13° auf etwa 80,23° ist es leicht zu verzehren, ohne dass Magen oder Herz eine Verkühlung erwarten müssten. Mit Schluckauf getrunken und weich goutiert ist es ein zarter Augenblick, ein winziges Schnupfen, ein leises Lippenschnalzen, also ein leckeres Vergnügen ohne eigentlichen Geschmack.

Weder süß noch salzig noch sauer noch bitter noch scharf. Absolut Heißes und Glasklares ist Alles und Nichts, ist wirklich und traumhaft, ist Gefühl und Ratio, ist in mir, ist ich, sobald es mein Sein benetzt. Ist im Innen wie im Außen, unknusprig, farblos, zeitlos, unsichtbar, ohne Leidenschaft. Und doch ist es alle Eigenschaften zusammen, weil es alles und jedes sein kann – das Absolut Heiße und Glasklare.

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So Mitte, so Seufz

Es dauert exakt 29 Minuten und 59 Sekunden, bis diese überteure Einkaufsstraße mich verschlungen hat. Die Menschen, die hier stehen und hübsch aussehen wollen, sind wie fiese Puppen, hohl, leer, Plagiate ihrer selbst. Alles Fassade, alles unecht. Und alles, was exklusiv sein will, fühlt sich nur in der Masse dieser glanzlosen Trendsetzer (oder Modeopfer?) wohl.

Es dauert exakt 1 Sekunde, dass ich an Dir vorbei gerauscht bin, mit dünnen Reifen auf der Flucht vor dieser Oberflächlichkeit, und dieser Moment hat mich glücklich gemacht. Dann habe ich diesen Augenblick herausgelöst aus der Menge von Liederlichkeit, mir auf unter die Zunge gelegt und ihn zu dem Stadtplatz im Bild mitgenommen.

Es dauert exakt 23 Sekunden bis ich meinen Lieblingsort hier in der Mitte erreicht habe. Auf dem grünen Rasen war ich beruhigt und schluckte diese einzelne Sekunde von Dir herunter zu meinem Herzen und spülte sie hoch in meinen Kopf. Da bist Du nun und bleibst, vergessen aber sind alle anderen Dingmenschen aus dieser überkandidelten Einkaufsstraßenwelt.

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Lavie

Lavie entlang eines besonders honigfarbenen Frühlingsbeginns.
Lavie tropft sonnenheiß über quirliglaublaue Kleinsteine.
Lavie so mondsilbern und sternenbeleuchtet auf zartem Himmelsmund.
Lavie lackiert in Buttergold.
Lavie verführt.
Lavie verrückt.
Lavie entzückt.
Lavie bepudert mit Goldstaub.
Lavie so ultramarin und türkisübergrün auf weichem Wiesengrund.
Lavie fließt wasserklar über quickrosalebendige Feinstweine.
Lavie entlang eines besonders helldurchwirkten Elfenkinns.

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24.000 Jahre später

Für PGY
°
Im Zuge der Geschehnisse in und um den Inselstaat J ist es naheliegend, sich einmal Gedanken über die (wenn in Menschenjahren gezählt) unvorstellbar ferne Zukunft zu machen und sich auszumalen, welchen Einfluss eine “dem Grenzwert doppelt überschreitende” oder “100.000fach stärkere” oder einfach nur “extrem hohe” radioaktive Strahlenbelastung auf die Evolution von Leben auf diesem Planeten haben könnte.

Aus Nichts kann nur Nichts entstehen.
Sämtliche radioaktive Substanzen kommen in der Natur vor und lassen Leben Leben sein. Mitunter reichern sich diese Elemente sogar in einer schmackhaften Umgebung an: Bananen enthalten Kalium-40 (Halbwertszeit: 1,3 Milliarden Jahre), jedoch in so geringen Mengen, dass von einer “Verstrahlung” keine Rede sein kann (auch wenn etwa 10 % der gemessenen natürlichen radioaktiven Belastung eines menschlichen Körpers durch körpereigenes Kalium verursacht wird). Ein Verzicht auf Kalium wäre zudem tödlich, handelt es sich doch um einen essentiellen Mineralstoff, der als Elektrolyt in unserer Körperflüssigkeit an der Steuerung der Muskeltätigkeit maßgebllich beteiligt ist und von dem wir etwa 2 Gramm am Tag zu uns nehmen sollten. Trotzdem: Bananen sind natürlich radioaktiv. Und deshalb dienen die gelben Früchte als Maß der Dinge, wenn es um die Messung von geringer radioaktiver Strahlung geht: A banana equivalent dose (BED) is a defined to be the absorbed dose of radiation due to eating one banana. Eine Banane reicht aus, um einen Fehlalarm von sensiblen Messsensoren auszulösen.
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MeinBauch

MeinBauch ist schon seit jeher ein empfindliches wie -sames Gerät. Von Beginn an in meine Mitte gesetzt, streckt er seine Fühler in einem perfekt geformten Kreisrund aus und schlägt zu gegebenem Anlass aus. Jedes Gefühl, das er aus der ihm eigenen Intuition entwickelt, wird vom ihm gen Gehirnhimmel geschickt, dort verarbeitet und an ihn zurückgemeldet. Und er reagiert. Hunger ist dann, wenn die Zahnräder meiner Welt wohl geölt sind, Satt ist dann, wenn die Warnlämpchen ruhen.
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Spülschwammgier

Bin ich so konsumgeneriert, dass selbst der Spülschwamm zum Objekt meiner Begierde wird? In dreifacher Ausfertigung liegt er glitzerndlockend im Laden immer genau da, wo mein Auge auf dem Weg zur Bezahlstation entlang schweift.

Schwarz-silber, rot-silber, weiß-silber. So absolut passend zum Rest meiner Einrichtung, damit selbst die profane Spüle einem gewissen Glanz nicht entbehrt. Er passt so perfekt in meine perfekte Welt von Dingen, die zueinander passen – Gestalt ist Stil und wichtig in meiner, in Deiner, in unserer Welt des MehrScheins als WirklichSeins.
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Blauglasig

Auf meiner Straße, so ziemlich genau in der Mitte zwischen Gelbhaus hier und Großkreuzung da, war auf dem Asphaltgrau eine erste Yves Klein monochromblaue Flasche zerplatzt. Blauschimmernde Scherben glitzerten spitz in der überstrahlten Eissonne des Morgens. Ich konnte das Rad gerade noch ein Stück davor schützen, hindurch zu drehen, sonst wäre mein Reifen zerfetzt und das glühende Blau hätte meine Wut entfacht.

Auf meiner Straße, so ziemlich genau in der Mitte zwischen Großkreuzung hier und Gelbhaus da, war auf dem Asphaltgrau eine zweite Yves Klein monochromblaue Flasche zerplatzt. Blauschimmernde Scherben glänzten spitz in der hochgleißenden Wintersonne des Mittags. Ich konnte das Rad gerade wieder noch ein Stück davor retten, hindurch zu rollen, sonst wäre mein Reifen zerrissen und das wütende Blau hätte meine Glut entfacht.

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