Am Sonntag ist Stillleben. Träge schieben sich die Wolken über den Tagebau, werfen Schatten auf das verwundete Gelände, das sich gestern noch von einem feinen Regen hat berieseln lassen. Heute vertrocknen Sonne und Wind die rissige Haut der Erde, auf der kein Samen mehr keimen mag, sodass sich nicht einmal mehr Insekten in das tote Gebiet, das über den Horizont hinaus läuft, verirren.
Archiv des Autors: Sabine
Kitsch
Ihre Wohnung ist Kitsch in Reinform. Im Wohnzimmer die Tapete mit Sonne, die sich rosarot über das Alpenpanorama ergießt. Auf dem Plüschsofa Herzkissen, darüber ein Kunstdruck aus dem 19. Jahrhundert mit einer Katze, die einen spitzenbesetzten Stehkragen um den Hals trägt.
Ich schaue aus dem Fenster, verlasse mit den Augen ihre kitschige Wohnwelt und sehe auf dem Balkon gegenüber die Katze mit dem Kragen sitzen.
Lächeln
Der Bass pumpt den Raum auf, als wäre er ein Luftballon. Ich stehe, nein schwebe, im Zentrum der Vibration, Acid in meinem Blut. Noten schwirren über die Tanzfläche dort, wo Halbtöne lächeln. Ich bin eins mit der harten Musik, dem weichen Lichtspiel, der flüssigen Menge.
Plötzlich dreht er sich um, und grinst mich mit seiner runden Fratze an, zwinkert mir zu. Sein zahnloser Mund macht mir Angst.
Alphorn
Der Hahn hatte schon lange den Sonnenaufgang herbei gekräht, als ein tiefer Klang über das Tal hallt. Der Ton summt, hüpft über die nächsten Felsen, bahnt sich seinen Weg durch eine Spalte, läuft einen schmalen Bergpfad entlang, hält vor einem Abgrund inne, aber nur eine Millisekunde lang, um dann mit voller Wucht über die Schlucht zu springen, um an mein Ohr zu prallen. Wenn das Alphorn singt, ist Sommer.
Deputat
Hart schleifen die Kurven ihrer Schlittschuhe über die frisch geglättete Eisfläche. Mit elegantem Schwung dreht sie sich um die eigene Achse und er fängt sie auf, während sie weich an seiner Seite hinuntergleitet, fast wie geschmolzenes Eis. Sie kniet.
Sein Deputat endet heute. Er hat ihr alles gezeigt, was sie braucht, um den Sieg davonzutragen. Nun wird er sie im freien Fall nicht wieder auffangen. Sie tanzt allein über das Eis.
Jogging
Er läuft. Der Schweiß tropft brennend ins Auge, das Hemd klebt an seinen Körper. Er ist gut durchtrainiert, hat früher jeden Tag seine Jogging-Runden gedreht. Seine ausdauernde Kondition ist heute sein großes Glück. Er hört Schreie hinter sich. Er dreht sich nicht um. Läuft weiter. Schneller. Sein Puls rast. Früher hätte er das Tempo gebremst und wäre langsam ausgelaufen, um zur Ruhe zu kommen. Heute darf er das nicht. Es ist Krieg.
Philologe
Eine Träne kullert über die rosige Wange des kleinen Franz. Zornig blickt er den Vater an, der ihn so jäh aus der Volksschule gerissen. Ein Bauer sollte der Sohn werden, so wie er. Die Hände des Jungen seien dazu gemacht, so der Vater, um die Früchte des Ackers zu ernten und nicht um die Seiten eines Buches umzuschlagen.
Doch der kleine Franz ist Philologe, seine Liebe zur Sprache ist unermesslich. Lehrer wird er, der Bauernsohn.
Opportunistisch
Aufrecht steht er im Wagen, der langsam vorbei rollt am opportunistischen Volk. Wie sie ihn anhimmeln, ihm zujubeln.
Es ist immer einfacher mit der Masse zu gehen. Wann aber hat die Masse angefangen Masse zu sein? Wann war der Punkt als die Fähnchen sich gedreht haben, so dass ein Hakenkreuz auf ihnen zu sehen war?
2015.
70 Jahre nachdem Hitler verschwunden ist, sind sie wieder da, schreiend und voller Hass gegen das Fremde. Die Opportunisten sind zurück.
Lehnwort
Ein Lehnwort flaniert leger die Allee entlang, als es wegen des Odeurs eines Parfüms an einem Café anhält. Mit Zigarette beim Aperitif räsoniert dort eine Dame in Haute-Couture mit ihrem Vis-à-Vis über arrangierte Affären und bizarre Bagatellen. Während sie ein Macaron goutiert, echauffiert sie sich über die amourösen Eskapaden des Präsidenten. Nonchalant und doch graziös degustiert sie die Limonade, um dann wieder darüber zu parlieren, was für eine Blamage es für Regime und Partei doch sei!
Pinakothek
München. Es regnet Aquamarinfäden aus Bleisilberwatte. Aufruhr vor der Pinakothek. Der blaue Reiter stürzt vom Pferd. Keiner hilft ihm auf. Entsetzte Gesichter, wohin das quadratische Auge schaut. Keiner findet den genauen Ort des gemeinen Unfalls, denn es gibt derer Drei in der alten Residenzstadt.
Karminrotes Blut vermischt sich mit den blassbraunen Pfützen auf steingrauen Asphalt. Keiner achtet mehr auf den gemalten Mann, der da am Boden liegt. Er ist nur eine Zeichnung seiner selbst. Von Macke vielleicht. Oder Münter. Oder Marc.









